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Gemeinsame Notiz

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Die Pfarrkirche, vor der unser Besucher stand und auf die Meierhöfe blickte,
lag dem früher nicht nur wirtschaftlichen, sondern ebenso geistigen Zentrum
Weendes - dem Kloster - diagonal gegenüber am südöstlichen Rand des Dorfes.
Etwas höher gelegen blickte die Kirche, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts
vollständig renoviert worden war, auf die Weender herab, die gemeinsam mit
den Nikolausbergern die St.Petri-Pfarre bildeten. Möglich, daß man hier dem
Pastor Kreibohm begegnet wäre, der sich vielleicht im Stillen gefragt hätte, ob
das unbekannte Gesicht ein fremder Gast des Ortes oder doch ein ihm noch
unvertrautes Gesicht der eigenen Gemeinde sei. Erst seit einigen Jahren - seit
1869 - lebte und arbeitete er hier. Mit 2149 Seelen war Weende die größte Ge-
meinde in der Göttinger Kircheninsektion I, die etwa dem heutigen Kirchen-
kreis Göttingen Nord entspricht. Da war es nicht immer leicht, mit allen be-
kannt und vertraut zu sein, zumal bei der starken Fluktuation der Einwohner
mit deren ständigen Fort- und Zuzügen. Und dann war da noch die betrübliche
Tatsache, daß der Gottesdienstbesuch, überhaupt die Teilnahme am kirchlichen
Leben, immer dürftiger wurde. Warum war das so? Sehr viele Familien lebten in
ärmlichen Verhältnissen, oft arbeiteten Mann und Frau in den Fabriken oder auf
den Feldern, um ein Auskommen für ihre Familie zu finden. Da blieb wenig
Kraft und Zeit. Allerdings, zum Feiern und zum Branntweintrinken fanden sich
offenbar immer genug Zeit und Geld. Möglich, daß der Pastor darüber nach-
denkend und grübelnd eilends weitergeschritten wäre zum ersten Schullehrer,
der zugleich Küster war und mit dem vielleicht noch eine Absprache wegen des
sonntäglichen Gottesdienstes zu treffen war. Gleich neben der Kirche lag ja die
?große Schule±, die auch die Lehrerwohnung des ersten Lehrers beherbergte.

Möglich aber auch, daß der Besucher den Pastor ansprach, um nach dem Weg
hinauf zu Weendespring zu fragen, mit dem er seinen Rundgang abschließen
wollte. Der Weg war schnell beschrieben:[?]
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In der Parochie Weende, zusammen mit dem Nachbarort Nikolausberg die
größte in der Kircheninspektion Göttingen I, wirkten in den gut hundert
Jahren von 1802 bis 1920 sechs Pastoren: von 1802 bis 1843 Johannes Friedrich
Wilhelm Bode; von 1843 bis 1869 Christian Friedrich Karl Ahlborn; von 1869
bis 1880 Karl Hermann Julius Kreibohm; von 1881 bis 1888 Adolf Friedrich
Omstade Hartmann; von 1889 bis 1905 Justus Heinrich Wilhelm Meyer und
schließlich von1905 bis 1920 Wilhelm Otto Held. Auffällig ist, daß die Dauer
der Amtszeit im Laufe der Jahre tendenziell abnimmt: zu Beginn des Jahrhun-
derts war Pastor Bode 41 Jahre in Weende tätig, sein Nachfolger Ahlborn im-
mer noch ein Vierteljahrhundert, während ab 1869 die Pastoren häufiger
wechselten.
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Anschaulich spiegeln die Visitationsberichte auch der Wender Pastoren, die
sie ab 1852 regelmäßig zu verfassen hatten, diese Entfremdung zwischen Kir-
che und Bevölkerung wider. Immer häufiger und immer besorgter ist in den
kommenden Jahren die Rede von einer äußerst mangelhaften Teilnahme am
kirchlichen Leben, von dem schwindenden Einfluß der Pastoren auf das geisti-
ge, sittliche und gesellige Leben der Gemeinde. (Fußnote 11: Vgl. KirchenkreisAGött, Sup. Spez. Wende, 145 und 103, Vis itationsberichte der Weender Pastoren seit 1872 bis 1922.) Am sichtbarsten wurde dies
sonntags in der Kirche. Vom dürftigen Gottesdienstbesuch berichtete Pastor
Kreibohm 1872, und zehn Jahre später wurde auf der Bezirkssynode fest-
gestellt, daß der geringe Kirchenbesuch in Weende sehr drückend auf all-
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gemeine Prozentzahl sie lag bei 12% - der Kirchenbesucher in der Inspektion
wirke, zumal Weende eine große Parochie sei. In Weende nahmen 1892 nicht
mehr als 5% der Gemeindemitglieder am Gottesdienst teil. Selbst die Kirchenvor-
Steher blieben überwiegend fern. (Fußnote 12: Vgl. KirchenkreisAGött, Sup. Spez. 103 und 145, Visitationsberichte 1872 , 1892 und 1897 sowie die gedruckten Protokolle der Bezirkssynode der Kircheninspektion
Göttingen I.) Aber auch auf anderem Gebiet machte sich
bemerkbar, daß der Pastor seine klare und bestimmende Rolle als steuernde
und kontrollierende Größe des sozialen Zusammenlebens verlor. So stellte
Pastor Kreibohm mit Empörung fest, daß in Weende seit nun schon 14 Jahren
ein Kutscher des Klosters mit der Barbierwitwe in einer wilden Ehe lebte. Ob-
wohl ihnen Strafen angedroht worden waren, hatten sie sich nicht zur Heirat
bewegen lassen. (Fußnote 13: Vgl. KirchenkreisAGött, Sup. Spez. Weende 145, Visitationsberichte Pastor
Kreibohm.)

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208 3 145 62 Dienstag, 7. November 2017 03:32
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