Philipp Sander, 18061874 (68 Jahre alt)

Name
Philipp /Sander/
Familie mit Julie Elisabeth Kreibohm
er selbst
Ehefrau
Heirat Heirat
Tochter
2 Jahre
Sohn
3 Jahre
Tochter
4 Jahre
Sohn
3 Jahre
Tochter
3 Jahre
Tochter
3 Jahre
Sohn
2 Jahre
Tochter
5 Jahre
Sohn
Geburt
Beruf
Tod
Gemeinsame Notiz

Der Name Sander ist nicht nur fest mit der Geismarer Kirchen- und Gemeindegeschichte verbunden, sondern war über den re gionalen Bereich im Königreich Hannover vielen bekannt. Sein Engagement galt vor allem den sozial Schwachen. So hat e r sich gleich zu Anfang seiner Seelsorgertätigkeit in Geismar für die Belange der Bauern eingesetzt und den Kauf des Ju nkernhofes für die Geismarer Käufer zu einem guten Abschluß gebracht. Daran knüpften sich die Aufteilung der zum Hof ge hörenden Ländereien, die Ablösungen des Zehnten und der Bede sowie die Auflösung des Patrimonialgerichts mit zahlreiche n Verhandlungen, die Pastor Sander federführend und mit großem persönlichen Einsatz begleitete. Aber auch der Landwirts chaft im allgemeinen gehörte sein Interesse. Als Mitglied der Landwirtschaftsgesellschaft in Celle versuchte er durch V orträge, neue Erkenntnisse in der landwirtschaftlichen Forschung zu vermitteln. Diese wurden in der Broschüre 1864 »Di e Landwirtschaft als Kulturelement« schriftlich festgehalten und veröffentlicht.

Lob und Anerkennung gebührt ihm auch für seinen politischen Einsatz. Als 1837 König Ernst August von Hannover das von s einem Bruder 1833 eingeführte Staatsgrundgesetz aufhob und damit die Staatsbeamten des auf dasselbe geleisteten Eides e ntband, protestierte Pastor Sander als einziger hannoversche Seelsorger gegen die Aufhebung und somit auch gegen seine n König. Pastor Sanders Absicht war es, die kirchlichen Behörden des Landes zu veranlassen, daß sie »...in der ungemein en Verwirrung der Gewissen, welche das Patent vom 1. November anzurichten geeignet ist, ihre Stimme zu schuldiger Steue r und Richtung öffentlich zu erheben«, denn es stehe »... niemandem auf Erden, keinem Könige und keinem Papste nach pro testantischem Grundsatz und göttlichem Wort zu, von Eiden, oder sie müßten ausschließlich eine ihn persönlich gelobte V erpflichtung begreifen, zu entbinden«. So könne der Eid auf das Grundgesetz, den jeder Staatsbeamte neben dem auf den K önig leiste, nur bei rechtmäßiger Aufhebung desselben, »... niemals aber durch eine imperativische Erklärung zu bestehe n aufhören«.
Sein Aufruf wurde am 4. Dezember 1837 im Altonaer Merkur (für das Königreich Hannover war Altona Ausland) ohne Namensne nnung gedruckt, da er am Ort keinen Zeitungsverleger hatte finden können. Den Mut zum offenen Protest mag er durch de n Theologen Lücke und die Professoren der »Göttinger Sieben«, Dahlmann und die Gebrüder Grimm, gewonnen haben, die of t Gäste im Pfarrhaus in Geismar waren. 1838 erschien ein zweiter Aufsatz über »Die Han- noversche Frage und die Hannove rsche Geistlichkeit« im Politischen Journal.
Dieser Protest erregte nicht nur das Mißfallen des Konsistoriums, sondern natürlich auch das des Königs. Es wurde ein D isziplinarverfahren gegen ihn eröffnet. Im Juni 1838 und Juli 1840 wurde Pastor Sander durch den Göttinger Amtmann Ker n vernommen, bis endlich 1841 die Entscheidung im »Falle Sander« fiel. Daß der Prozeß sich so lange hinzog, hatte mehre re Gründe, die hier nicht alle aufgezählt werden können. Auf zwei soll aber hingewiesen werden, auf die
Verdächtigung Jathos »Sander habe die Wähler des Göttinger Bauernstandes abgemahnt, die Wahl eines Deputierten zur allg emeinen Ständeversammlung vorzunehmen« und auf die Wahl Göttingens, Sander als Deputierten in die Zweite Kammer der All gemeinen Ständever- sammlung zu senden.
Um an diesen Sitzungen teilnehmen zu können, bat Pastor Sander das Konsistorium um Beurlaubung. Bevor darüber aber ents chieden wurde, nahm Sonder sein Gesuch zurück und sandte seine Vollmacht dem Wahlkollegium in Göttingen wieder zu. Sein e Gewissenhaftigkeit veranlaßte ihn 1837, einen weiteren Vortrag einzureichen, um noch einmal die Verteidigung und di e Ziele seiner Protestschreiben darzulegen.
Am Schluß des Vortrages bat er um Nachsicht und Niederschlagung des Prozesses, ohne aber ein Wort seiner vorangegangene n Schreiben zurückzunehmen.
Im Januar 1841 eröffnete ihm der Göttinger Amtmann, daß er in Verkennung der Stellung, die er als Geistlicher einzunehm en habe, in seinem Aufsatz mit Anmaßung und mit Nichtachtung vielfacher Rücksichten über Gegenstände, Behauptungen aufz ustellen und zu beurteilen, sich herausgenommen habe, worüber er »innerhalb seines beschränkten Gesichtskreises diejeni ge genaue, richtige Kenntnis gar nicht haben könne, welche doch billig bei der Veröffentlichung von behaupteten Tatsach en und Urteilen in Beziehung auf die wichtigsten Verhältnisse den gewissenhaften Schriftsteller leiten sollte.«
Die ihm auferlegte Strafe von 50 Talern sandte Pastor Sander am 20. Februar 1841 ein mit dem Bemerken er »... hoffe, da ß durch Gottes Gnade die Zeiten kommen würdenl, wo er, seinem Vorsatz gemäß, seiner vorgesetzten Behörde beweisen könne , daß er eine andere Beurteilung verdiene, als in dem Reskript vom Januar ausgesprochen sei.« (Später wurde Pastor Sand er doch noch Mitglied der Ersten Kammer der Ständeversammlung in den Jahren 1849 – 1855.)
Aus dieser Zeit findet sich im Kirchenarchiv eine rege Korrespondenz zwischen Pastor Sander und Superintendent Hildebra ndt in Göttingen, dem er in Freundschaft verbunden war. Wenn Hildebrandt auch nicht die Meinung seines Freundes teilte , so half er durch sein Verständnis und seinen Zuspruch dem Betroffenen die schweren Zeiten durchzustehen.
Aber auch der kirchliche Bereich kam bei Pastor Sander nicht zu kurz. Am 16. September 1842 plädierte er als erster Red ner bei der Leipziger Kirchenversammlung, die Gustav-Adolf- Stiftung in einen Verein umzuwandeln und gründete am 31. Ma i 1843 zusammen mit den Professoren Gieseler und Lücke, dem Superintendenten Rettich und dem Verlagsbuchhändler Ruprech t den Göttinger Zweigverein. Federführend war er hier für die Statuten des Vereins. Auch gelang es ihm, daß die zweit e Versammlung des Gesamtvereins am 10. und 11. September 1844 in Göttingen stattfand.
Mitglied war Pastor Sander im Predigerverein Göttingen, den er mit begründete und auch hier die Statuten ausarbeitete . Ziel und Aufgabe des Vereins war ». . die gegenseitige wie praktische Fortbildung, die erbauliche Stärkung und Ermahn ung zu gewissenhafter und gesegneter Führung des evangelischen Predigeramtes«. Für seinen großen persönlichen Einsatz i n seiner eigenen Kirchengemeinde schenkten ihm 1840 die sog. Gutskäufer das Patronat über Kirche und Schule. Die dami t verbundene Dankbarkeit seiner Gemeinde wäre sicher getrübt worden, wenn sie von dem Wunsch Pastor Sanders gewußt hätt e, den er im Jahre 1850 zu Papier brachte. Ob es auch sein geheimer Wunsch blieb oder ob das Schreiben das Konsistoriu m in Hannover erreichte, entzieht sich leider unserer Kenntnis.
»...ich muß gestehen, daß man mitunter seine Wünsche hat und daß die meinigen dahin gehen, daß die neulich in Hildeshei m vacant gewordene Stelle in ihren Anforderungen so sein mögte, daß Euer Hochwürden mich ihr gewachsen halten könnte, u nd daß ihre äußeren Verhältnisse mir ihre Annahme erlaubten. Denn in eine größere Stadt weisen mich nun einmal sowohl m eine eigenen Neigungen und, wie ich meine, meine natürliche Begabung, als Sinn und Wesen aller Glieder meiner Familie . Wir sind, wie ich dem Herrn Consistoriadirector einmal geäußert habe, näher mit den Städte-Deutschen des Mittelalter s verwaandt, als mit den Wald- und Wiesen-Germanen des Tacitus. Ich mögte übrigens von Euer Hochwürden hierunter nich t mißverstanden werden, namentlich nicht die Meinung erregen, als käme es uns auf die Genüsse der Stadt an. Euer Hochwü rden wissen es aus Erfahrung im eigenen Hause, daß sich durch das krauseste Gewirr des Städtelebens eine stille Sphär e zieht, auf deren Wegen die gebildete Einfachheit des Sinnes bei weitem mehr ihre Befriedigung finden kann, als auf de n in ihrer Kunstlosigkeit doch oft auch roheren Straßen der ländlichen Verhältnisse.
Nicht minder aber, als dieser mehr allgemeine Grund, ist bei mir noch ein besonderer Umstand in dieser Hinsicht je läng er desto wichtiger geworden. Für die mir nach Bewältigung der mir in meiner einfachen, aus kaum mehr als 800 Seelen bes tehenden und in einem einzigen geschlossen Dorfe zusammengefaßten Gemeinde, amtlich gestellten Aufgabe übrig bleibend e Arbeitszeit und Arbeitskraft nemlich, boten sich mir früh, gesucht und ungesucht, anderweitige, meinem Beruf und mein er Neigung entsprechende Aufgaben dar, deren Erfüllung zwar ebensoviel geistigen Genuß, als höheren Gewinn gebracht, ab er auch nicht unerhebliche Opfer in zweifacher Richtung gefordert hat und fortwährend fordert.
Denn dadurch bin ich in einem Zusammenhang mannigfaltiger Verhältnisse und Beziehungen gekommen, welche neben einer Rei henfolge kostspieliger Verflechtungen und Verpflichtungen eine gleich große Zeit und Kraft zersplitternder Verbindlichk eiten, für welche beide gerade meine Pfarre so zugänglich belegen ist, zur natürlichen Begleitung haben. Und wenn ich n un in Folge der ersteren mit Rücksicht auf meine zahlreiche Familie eine, wohl nur durch Versetzung
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zu erzielende Vermehrung meiner Einnahmen lebhaft wünschen muß, so muß ich im Hinblick auf die zweite für mein eigene s Leben noch lebhafter eine ebenfalls wohl nur durch Versetzung zu erlangende amtliche Aufgabe mir wünschen, in deren E rfüllung mich ganz zu sammeln beides, Möglichkeit und Pflicht in gleicher Weise bedingen mögten. ...«
Pastor Sander blieb bis zu seinem Ableben als Seelsorger in Geismar, wo er am 24. Oktober 1874 unter großer Anteilnahm e aller Geismaraner neben der Kirche seine letzte Ruhestätte fand.